Während sich das Europäische Parlament auf die Abstimmung über die Verordnung zum digitalen Euro vorbereitet und die Europäische Zentralbank eine erste Emission bis 2029 anstrebt, steht Europa an einem währungspolitischen Scheideweg, dessen volle Bedeutung es noch nicht erfasst hat. Die Schaffung einer öffentlichen digitalen Währung als Ergänzung zum Euro-Bargeld ist keine rein technische Anpassung. Sie betrifft das Wesen des europäischen Projekts selbst: Wird die Union in der Lage sein, ihren Bürgern einen souveränen Zugang zu Zentralbankgeld zu garantieren, in einer Welt, in der der Zahlungsverkehr zum Schauplatz geopolitischen Wettbewerbs zwischen Großmächten geworden ist?
Inhalt
Dieser Artikel analysiert das Projekt des digitalen Euro durch drei sich ergänzende Perspektiven. Die erste ist die europäische Zahlungsverkehrslandschaft, deren Fragmentierung und Abhängigkeit von außereuropäischen Infrastrukturen mittlerweile eine von der EZB, der Kommission und dem Rat geteilte Diagnose darstellen. Die zweite Perspektive ist legislativer Natur: Der Verordnungsentwurf der Kommission, der im Dezember 2025 angenommene Verhandlungsstandpunkt des Rates und die laufenden Arbeiten im Europäischen Parlament skizzieren einen ehrgeizigen, aber noch umstrittenen Rechtsrahmen. Die dritte Perspektive ist die föderalistische Lesart, die PromethEUs verteidigen möchte: Der digitale Euro darf kein Kompromiss zwischen nationalen und korporatistischen Interessen sein, sondern muss ein föderales öffentliches Gut werden, ein konkreter Ausdruck der europäischen Währungssouveränität.
1. Die europäische Zahlungsverkehrslandschaft: eine strukturell mangelhafte Souveränität
1.1. Die Fragmentierung des Marktes für Massenzahlungen
Der europäische Zahlungsverkehrsmarkt leidet unter einem grundlegenden Widerspruch. Die Union hat einen Binnenmarkt, eine einheitliche Währung und einen Raum der Freizügigkeit geschaffen, war jedoch nie in der Lage, ein wirklich paneuropäisches und souveränes System für Massenzahlungen hervorzubringen. Jeder Mitgliedstaat hat seine eigene nationale Lösung entwickelt: Bizum in Spanien, iDEAL in den Niederlanden, Payconiq in Belgien, Girocard in Deutschland. Keine dieser Lösungen funktioniert über die Landesgrenzen hinweg. Ein belgischer Verbraucher, der bei einem niederländischen Händler einkauft, muss auf ein internationales Kartensystem zurückgreifen. Diese Fragmentierung ist kein historischer Zufall: Sie resultiert aus einer Überlagerung von Nationalstolz, konkurrierenden Bankinteressen und einem Mangel an gemeinsamem politischen Willen, die Infrastruktur aufzubauen, die dem Binnenmarkt noch fehlt.
1.2. Abhängigkeit von außereuropäischen Infrastrukturen
1.2.1. Eine von der EZB quantifizierte Diagnose
Der Bericht der EZB über Kartensysteme in der EU, der im Februar 2025 veröffentlicht wurde, lieferte eine unmissverständliche Diagnose. Von den einundzwanzig Ländern der Eurozone sind dreizehn bei Transaktionen im stationären Einzelhandel vollständig von internationalen Kartensystemen abhängig. Im Jahr 2022 machten internationale Systeme etwa 61 % aller Kartenzahlungen im Euroraum aus, während nationale Systeme nur die restlichen 39 % abdeckten. Dieses Verhältnis verschlechtert sich weiter, wenn grenzüberschreitende Transaktionen von Karteninhabern aus dem Euroraum bei Händlern außerhalb der Zone einbezogen werden, da diese ausschließlich über internationale Systeme abgewickelt werden. Darüber hinaus kann keiner der vier wichtigsten grenzüberschreitenden Kartenabwickler, die in der EU identifiziert wurden, als ein vollständig in europäischem Besitz befindliches Unternehmen bezeichnet werden.
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Referenzen
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