# Die ungarischen Wahlen 2026 aus ungarischer Perspektive

- Author(s) : Coline Eyssautier, Emmanuel Gerbault
- Published : 2026-10-11
- Updated : 2026-10-11
- Publisher: PromethEUs, European federalist think tank (https://prometheus-euro.eu)
- Source : https://prometheus-euro.eu/de/news?slug=hungarian-elections-from-the-hungarian-point-of-view

> Sechs Monate nach den Parlamentswahlen des vergangenen Frühjahrs in Ungarn, die auf die Neubesetzung der 199 Sitze in der Nationalversammlung und die Bestimmung des neuen Regierungschefs abzielten, blickt PromethEUs aus der Perspektive des Wirtschaftsstudenten Attila K. auf diesen politischen Wendepunkt zurück. Mit dem nötigen Abstand erlaubt dieses Gespräch einen sachlichen Blick auf die Zeit nach den Wahlen und die Niederlage von Viktor Orbán gegen den pro-europäischen Péter Magyar.

PromethEUs bietet eine Diskussion über die Triebkräfte dieses Regierungswechsels: die Auswirkungen der Inflation auf das tägliche Leben, den Überdruss an der Korruption und die Entscheidung für eine erneute europäische Verankerung statt einer Annäherung an Moskau. Vor dem Hintergrund, dass Brüssel wegen Rechtsstaatsverstößen knapp 20 Milliarden Euro an EU-Geldern eingefroren hatte und Budapest noch vor Kurzem ein Hilfspaket von 60 bis 70 Milliarden Euro für die Ukraine blockierte, beleuchtet dieser Austausch die Erwartungen der Jugend, die Umgestaltung der Medienlandschaft und die notwendigen institutionellen Sicherungsmechanismen innerhalb der Europäischen Union.

**PromethEUs** : Wie hast du den Wahltag in Ungarn erlebt?

**Attila K.** : Als die Wahl stattfand, lebte ich noch in München, aber ich bin eigens zurückgekehrt, um persönlich abzustimmen, weil die Sorge vor Wahlbetrug groß war. Ich wollte sichergehen, dass ich hier vor Ort in Ungarn wähle und meine Stimme auch wirklich gezählt wird. Nach dem Urnengang blieb ich den Nachmittag über zu Hause, und abends traf ich mich mit ein paar Freunden, um gemeinsam auf die Ergebnisse zu warten. Als die Auszählung begann, war alles noch völlig offen. Fidesz lag anfangs mit zehn Prozent vorn; ich hatte also keine Ahnung, wie die Sache ausgehen würde. Bei einem Auszählungsstand von 30 % räumte Viktor Orbán dann seine Niederlage ein. Aber wir rechneten fest damit, dass Fidesz im letzten Moment noch irgendeinen Trick aus dem Hut zaubern würde.

Nachdem etwa 60 bis 70 % der Stimmzettel ausgezählt waren, zeichnete sich der Sieg von Péter Magyar glasklar ab. Er rief kurz darauf eine Kundgebung ein. Wir machten uns auf den Weg dorthin, und gefühlt die ganze Stadt strömte an diesem Abend zusammen, um zu feiern – Budapest war ja historisch gesehen schon immer eine Hochburg der Opposition. Dass die Stimmung in der Hauptstadt überschwänglich war, überraschte also niemanden. Dass sich aber auch landesweit ein so gewaltiger Teil der Bevölkerung von Orbán abgewandt hatte, hat uns schlichtweg umgehauen.

**PromethEUs** : Hattest du vor der Wahl das Gefühl, frei über Politik sprechen zu können, und hat sich daran inzwischen etwas geändert?

**Attila K.** : Was die freie Meinungsäußerung angeht, hatte ich eigentlich nie das Gefühl, extrem gegängelt zu werden – auch wenn man im Alltag unter Leuten oder im Beruf natürlich vorsichtig abwägt, was man sagt. Ganz allgemein galt: Wer nicht gerade im Rampenlicht stand oder einen Posten im öffentlichen Dienst hatte, konnte im Grunde frei von der Leber weg reden. Ich glaube nicht, dass Fidesz die Meinungsfreiheit in dieser Hinsicht abgewürgt hat. Heikel wurde es eher im Medienbereich und für Leute, die in Redaktionen saßen oder ein öffentliches Amt bekleideten. Da konnte es schnell brenzlig werden: Wer gegen das herrschende System aufbegehrte, flog ganz schnell raus, weil die Machthaber praktisch jedes tonangebende Medium unterwandert hatten und über gewaltige finanzielle Hebel verfügten.

**PromethEUs** : Hast du in deinem Umfeld mitbekommen, wie Gleichaltrige über die Frage dachten, ob man in Ungarn bleiben oder sich lieber woanders in Europa eine Existenz aufbauen sollte? Du hast ja selbst einige Jahre in München gelebt.

**Attila K.** : Ja, das spielte definitiv eine Rolle. Ich würde nicht behaupten, dass das der einzige Grund für meinen Umzug nach München war, aber ein gewichtiger war es allemal. Vielen meiner Freunde ging es genauso: Sie sahen mit an, wie das Land vor die Hunde ging. Niemand sah mehr eine Perspektive, um hier Fuß zu fassen und sich in Ungarn ein erfülltes Leben aufzubauen. Es herrschte pure Tristesse. Und wäre der Machtwechsel diesmal ausgeblieben, hätte auch ich mir keinesfalls vorstellen können, auf Dauer hierzubleiben.

**PromethEUs** : Hattest du den Eindruck, dass sich dein Umfeld auch deshalb so entschied, weil der Wunsch da war, Europa wieder näher zu sein und sich europäisch zu fühlen – statt bloß ungarisch und abgeschnitten vom Rest des Kontinents?

**Attila K.** : Ja, absolut. Unter den Unter-Vierzigjährigen war die Grundstimmung durchweg proeuropäisch. Genauso übrigens wie bei den meisten Älteren, die sich erst in den letzten Jahren gegen Brüssel haben aufstacheln lassen – meiner Meinung nach reine Gehirnwäsche durch die Regierungspropaganda, die Brüssel für jedes Übel verantwortlich machte. Davor waren auch sie voll auf europäischem Kurs. Unser Land saß schon immer zwischen den Stühlen im Ringen zwischen Ost und West, aber über weite Strecken der Geschichte wollte das ungarische Volk ein fester Teil Europas sein. Kultur und Lebensart liegen uns einfach viel näher. Deshalb waren die Menschen, allen voran die Jungen, überglücklich, wieder an Europa anzudocken und Teil dieser Gemeinschaft zu sein, statt schrittweise in Richtung Russland und China abzudriften.

Natürlich sollte man sich nicht in allem blind auf die EU verlassen. Ich habe persönlich nichts gegen pragmatische Kontakte zu China, wenn sie wirtschaftlich etwas abwerfen. Aber darum ging es der Regierung überhaupt nicht: Sie knüpfte mafiöse Seilschaften, um hinter verschlossenen Türen krumme Dinger mit den dortigen Machthabern zu drehen und sich schamlos die Taschen vollzustopfen. Für die ungarische Bevölkerung sprang dabei kein Cent heraus. Im Gegenteil: Die einfachen Bürger litten darunter und durften diese korrupten Prestigeprojekte auch noch aus eigener Tasche berappen.

**PromethEUs** : Gab es für deine Ablehnung von Orbán einen ausschlaggebenden Grund – für dich persönlich oder im Austausch mit anderen über das Regime? Was stand bei deiner Stimmabgabe an erster Stelle: der Kampf gegen die Korruption oder das Bekenntnis zu Europa?

**Attila K.** : Für den Otto Normalverbraucher war die spürbarste Folge des Regimes natürlich der massive Absturz des Lebensstandards: galoppierende Inflation, alles ging durch die Decke – vom Wocheneinkauf im Supermarkt bis zu den alltäglichen Fixkosten. Und die allgegenwärtige Medienpropaganda hing einem einfach zum Halse heraus. Egal, ob man den Fernseher oder das Radio anmachte, man wurde ununterbrochen mit Regierungspropaganda berieselt, weil die Machthaber fast die gesamte Medienlandschaft unter ihrer Fuchtel hatten. Zwar gibt es noch eine Handvoll unabhängiger Sender mit treuem Publikum, aber das ist ein Tropfen auf den heißen Stein. Das schlägt einem auf Dauer massiv aufs Gemüt. Genau an diesem Punkt begriffen die meisten: Das Maß ist voll, wir müssen endlich das Heft des Handelns in die Hand nehmen.

**PromethEUs** : Hattest du ein ganz bestimmtes Leitmotiv im Kopf, als du deinen Stimmzettel eingeworfen hast?

**Attila K.** : Für mich persönlich stand der Kampf gegen die Korruption an allererster Stelle, denn die Ausmaße spotteten jeder Beschreibung. Auf den wenigen freien Kanälen jagte ein Enthüllungsskandal den nächsten: Da wurden Milliarden veruntreut, und zwar gerechnet in Euro. Diese Clique bereicherte sich schamlos an Steuergeldern und EU-Fördermitteln, bis den Leuten endlich die Augen aufgingen und klar war: So kann es nicht weitergehen, denn die Zeche zahlen am Ende wir. Das war der Haupttreiber für den Regierungswechsel – ich will nicht für ganz Ungarn sprechen, aber in meinem Umfeld zweifellos.

**PromethEUs** : Hattest du das Gefühl, dass die Entfremdung von der EU bei der Wahl den Ausschlag gab, oder war das zwar spürbar, aber eher zweitrangig?

**Attila K.** : Nein, das hat absolut ins Gewicht gefallen. Die Außenpolitik war definitiv der zweitwichtigste Faktor. Die allermeisten spürten ganz deutlich: Wir entfernen uns immer weiter von der EU und schlittern geradewegs in die Arme Russlands – und genau das stieß den Leuten extrem sauer auf. Es gab nicht einen vernünftigen Grund, Moskau so den Hof zu machen. Trotzdem wurden am laufenden Band undurchsichtige Verträge unterzeichnet, diplomatische Seilschaften geschmiedet oder neues Botschaftspersonal aus Russland herübergeholt. Es entbehrte jeder Logik, wurde aber stur durchgezogen.

Und Hand aufs Herz: Mit Russland haben wir nun wirklich keine rühmliche gemeinsame Geschichte. Auch das wog schwer: Schließlich wurden beide unserer Revolutionen von russischen Truppen blutig niedergeschlagen.

Auch historisch betrachtet war es der helle Wahnsinn, sich mit diesem Land gemeinzumachen. Es hat uns mehrfach unermesslichen Schaden zugefügt. Die allermeisten Ungarn, gerade die junge Generation, fühlen sich europäisch und wollen zur EU gehören. Sie identifizieren sich mit diesem Lebensgefühl, mit dieser Kultur.

**Attila K.** : Die Leute hatten von dieser Anbiederung an Russland also restlos die Nase voll – erst recht, weil die Medien einem pausenlos einhämmern wollten, die Ostöffnung sei der reinste Segen für uns, woran aber kein vernünftiger Mensch mehr glaubte.

Ein treffendes Bild aus der Wahlnacht: Als unser Sieg feststand, hallte überall die Parole „Russen raus!“ durch die Straßen – genau das hatten die Menschen 1956 in Budapest skandiert, als wir unsere Freiheit von der UdSSR erkämpfen wollten. Dass die Menge das wieder aufgriff, war ein unmissverständliches Aufbäumen: Wir wollen uns nicht an Russland ranschmeißen, unser Platz ist in Europa. Und noch ein vielsagendes Detail: Viktor Orbán hatte die EU-Flagge demonstrativ vom Parlamentsgebäude entfernen lassen; eine der allerersten Amtshandlungen der neuen Regierung war es, sie unverzüglich wieder aufzuziehen.

**PromethEUs** : Und spürt man unter der neuen Regierung seit April tatsächlich, dass Ungarn Europa wieder nähergerückt ist? Zeigt sich das im Alltag?

**Attila K.** : Ja, da sind zweifelsohne handfeste Schritte erfolgt. Der größte Zankapfel der alten Garde waren der Abbau des Rechtsstaats und die hemmungslose Korruption. Sie hatten die Befugnisse in den Ministerien gebündelt wie nie zuvor: Vor der Reform gab es meines Wissens dreizehn Ministerien, danach waren es gerade einmal noch acht. Dadurch schwang sich jedes Ressort zu einem absolutistischen Machtapparat auf. Sie rissen alle Fäden bei öffentlichen Vergaben und EU-Projekten an sich und entschieden praktisch alles im Alleingang.

Das blieb in Brüssel naturgemäß nicht unbemerkt, und wegen der Aushöhlung des Rechtsstaats fror die EU etliche Milliarden an Fördermitteln ein. Die zweite verheerende Baustelle waren die ständigen Blockaden und Vetos auf europäischer Ebene, hinter denen nichts anderes steckte als russische Interessen in Ungarn und Schmiergeldgeschäfte. Dadurch war die EU gelähmt und konnte nicht ansatzweise so funktionieren, wie sie sollte. Die neue Regierung geht diese Dinge mit klarem Kopf und Augenmaß an. Man sieht keinerlei Anzeichen mehr dafür, dass irgendwelche Strippenzieher aus dem Ausland bestimmen, ob wir unser Veto einlegen oder nicht.

**PromethEUs** : Was war deiner Ansicht nach die treibende Feder hinter dem Wunsch, mit Russland zu brechen? Und worum ging es den Leuten bei der Annäherung an die EU: War es eine Frage der Identität? Ging es darum, die von Brüssel blockierten Gelder freizubekommen? Warum spielte das Thema Europa bei dieser Wahl eine so zentrale Rolle?

**Attila K.** : Ich denke, da griffen beide Aspekte ineinander. Zunächst einmal die Identität: Unser Land blickt auf eine über tausendjährige Geschichte zurück. Uns verbinden jahrhundertealte Wurzeln mit unseren Nachbarn Österreich, der Slowakei und Kroatien. Wir haben eine lange Tradition des Handels mit Deutschland und Italien, dynastische Bande mit Polen und großen europäischen Reichen. Wir gehören von Natur aus zur europäischen Völkerfamilie. Mit Russland verbindet uns – abgesehen von Kriegen und Leid – rein gar nichts, und das Einzige, was sich aus unserer Geschichte ins Gedächtnis eingebrannt hat, sind Unterdrückung und Fremdbestimmung. Es gab also nicht den leisesten Grund, sich dieser Macht an den Hals zu werfen. Hätten sie uns wirtschaftlich ins Paradies katapultiert oder wäre das Leben an ihrer Seite spürbar besser geworden – meinetwegen; aber davon konnte ja überhaupt keine Rede sein. Für eine Annäherung gab es schlicht kein einziges Argument.

Und der zweite Punkt, den du ansprichst – die Freigabe der eingefrorenen EU-Mittel –, ist existenziell. Das alte Regime hat einen gigantischen Schuldenberg hinterlassen. Geld wurde mit vollen Händen zum Fenster hinausgeworfen, Unsummen versickerten in dunklen Kanälen. Damit die neue Regierung Tritt fassen, das Korruptionsnetzwerk zerschlagen und die korrupten Strippenzieher aus den Traditionsunternehmen herauswerfen kann, wird die Wirtschaft kurzfristig einige Dämpfer einstecken müssen. Deshalb sind wir dringend auf die Finanzspritzen aus Brüssel angewiesen: Wir müssen unsere Wirtschaft auf gesunden, tragfähigen Beinen wieder aufbauen, statt sehenden Auges in die Pleite zu steuern.

**PromethEUs** : Eines der Hauptargumente von Orbáns Regierung war stets, der Kuschelkurs mit Moskau halte Ungarn aus dem Krieg mit der Ukraine heraus und banne jede Kriegsgefahr. Stimmte das aus deiner Sicht? Und glaubst du, dass Ungarn nun auf Kiew zugehen kann? Hältst du Waffenlieferungen und Finanzhilfen aus Ungarn für denkbar, oder bleibt das für die ungarische Bevölkerung ein rotes Tuch?

**Attila K.** : Dem ersten Teil der Behauptung widerspreche ich auf ganzer Linie. Nun ja, vielleicht in einem winzigen Punkt: Wir wären womöglich nicht das nächste Ziel gewesen, falls Russland noch ein weiteres Land überrollt hätte. Aber der eigentliche Grund, warum wir verschont blieben, ist simpel: Wir sind in der NATO. Das ist für mich exakt dasselbe Argument, warum Russland weder Estland noch Lettland angegriffen hat – die nukleare Abschreckung stand felsenfest. Alles andere war billiges Wahlkampfgetöse, um sich als geniale Friedensstifter aufzuspielen. Die geopolitische Lebensversicherung für Ungarn war einzig und allein die Tatsache, dass wir Teil eines atomar bewaffneten Militärbündnisses sind, das jedem Bündnispartner beistehen muss.

Was die Ukraine angeht, hat sich der Wind spürbar gedreht. Unter Orbán galt: Was Moskau befahl, wurde brav pariert. Jetzt aber haben wir, wenn ich mich recht entsinne, schon vor ein paar Monaten unser Veto gegen das europäische Ukraine-Hilfspaket von rund 60 bis 70 Milliarden Euro geräumt. Das war ein glasklares Signal: Wir sind kooperationsbereit und tragen europäische Hilfen für die Ukraine mit. Und auch wenn ich meine Hand nicht dafür ins Feuer legen würde, hat man wohl auch grünes Licht für Waffentransporte über ungarisches Staatsgebiet gegeben. Die Fronten sind also aufgeweicht, auch wenn man nicht behaupten kann, dass sich ganz Ungarn plötzlich in hemmungslose Ukraine-Begeisterung stürzt.

Da schwingt eben auch Geschichte mit. Falls dir das kein Begriff ist: Teile der heutigen Ukraine gehörten früher zum Königreich Ungarn; dort lebt bis heute eine beachtliche ungarische Minderheit. Vor rund zehn Jahren wurden deren Rechte massiv beschnitten, was zu spürbaren Verstimmungen zwischen beiden Ländern führte. Deshalb begegnen die Ungarn den Ukrainern grundsätzlich mit größerer Skepsis als etwa die Spanier oder andere Westeuropäer. Und dass dort drüben Korruption ein massives Problem ist, weiß bei uns jedes Kind. Die Ungarn würden sich einer EU-Perspektive der Ukraine keineswegs grundlegend in den Weg stellen, und im Krieg steht die überwältigende Mehrheit hinter Kiew, nicht hinter Moskau. Aber eine Mitgliedschaft im Hauruckverfahren durchzuwinken und beide Augen zuzudrücken, wenn Auflagen nicht erfüllt sind – wie es manchen anderen Ländern recht wäre –, stößt hierzulande auf wenig Gegenliebe.

**PromethEUs** : Du meintest, die Jugend wollte den Schulterschluss mit Europa und nicht mit Russland. Verlief dieser Graben quer durch die Generationen? Man hört oft, die Jungen hätten die Gefahr klar erkannt, während die Älteren dem Schmusekurs mit Moskau deutlich nachsichtiger gegenüberstanden. Traf das so zu?

**Attila K.** : Ja, das ist in der Tat eine Frage der Generationen, und sie wurzelt vor allem im Medienkonsum: Die Alten hocken vor der Glotze und lauschen dem Radio, die Jungen informieren sich im Netz. Unabhängige Medien konnten sich ihr Publikum praktisch nur noch online aufbauen. Wer seine Nachrichten also überwiegend aus dem Internet bezog, behielt einen unverstellten Blick auf die Wirklichkeit. Wer sich dagegen nur von Staatsfernsehen und Staatsfunk berieseln ließ, bekam genau das vorgekaut, was die Regierung ihm einbläuen wollte. Wenn man sich diese Masche über Jahrzehnte anhört, hinterfragt man irgendwann gar nichts mehr; es brennt sich eine völlig andere Denkweise und Weltsicht ein, die man kaum noch aufbrechen kann. Das ist das ganze Geheimnis hinter der proeuropäischen Haltung der Jungen: Sie hatten Zugang zu unabhängigen Quellen.

**PromethEUs** : Was hältst du von dem Gedanken, ein gemeinsames europäisches Medium ins Leben zu rufen, das sich aus EU-Töpfen finanzieren würde – und zwar ausschließlich daraus; quasi ein öffentlich-rechtlicher Rundfunk auf EU-Ebene? Wäre das ein Gewinn? Oder hättest du Angst vor Brüsseler Hofberichterstattung? Wie käme so ein Vorstoß bei dir an?

**Attila K.** : Im Grunde fände ich das eine hervorragende Sache: eine gemeinsame Informationsplattform mit fundierten Nachrichten aus allen Mitgliedstaaten. Aber bei der Finanzierung fangen die Bauchschmerzen an: Ich wüsste nicht, wie man das aufziehen soll, ohne dass die Glaubwürdigkeit flöten geht. Du hast es ja selbst gesagt: Würde das zu 100 % aus Brüssel bezahlt, würde jede europaskeptische Partei sofort Sturm laufen und das Ganze als EU-Propagandasender abstempeln. Außerdem besteht die Gefahr – vielleicht keine riesige, aber eine reale –, dass EU-Größen oder die Kommission anfangen, in der Redaktion mitzumischen und unliebsame Beiträge wegzuzensieren. Ich kann mir schwer vorstellen, wie man so etwas praxistauglich aufbaut, damit es absolut unabhängig bleibt und gleichzeitig allen Bürgern echten journalistischen Mehrwert bietet.

**PromethEUs** : In Frankreich haben wir die Medienaufsicht Arcom, die über Ausgewogenheit wacht, insbesondere während der Wahlkämpfe. Wenn ein politisches Lager die Sendezeit unverhältnismäßig dominiert, greift die Behörde ein und zwingt die Sender, den Benachteiligten ausreichend Redezeit einzuräumen. Die Idee bestünde also darin: Die EU stellt das Geld bereit, aber die Kontrolle liegt bei einer externen, unabhängigen Instanz. So bliebe der Sender überparteilich, gäbe allen Stimmen Gehör und stünde allen Bürgern quer durch die EU offen.

**Attila K.** : In dieser Form klingt das schon deutlich stimmiger – so hätte man wenigstens die Gewähr, dass niemand mundtot gemacht wird. Einige Mitgliedstaaten würden zwar immer noch argwöhnen, das Ganze verkomme zum Megafon für Berlin und Paris, weil die beiden Schwergewichte naturgemäß versuchen könnten, den Ton anzugeben. Aber dein Vorschlag mit einem wirklich unabhängigen Kontrollrat wäre zweifellos der richtige Hebel.

**PromethEUs** : Um auf das Thema der regionalen Allianzen zurückzukommen – vor allem mit Polen, Deutschland, der Slowakei und den Nachbarländern im Allgemeinen: Kritiker unken oft, eine engere europäische Integration wasche die nationale Identität aus. Umgekehrt könnten starke Bande mit den Nachbarn doch gerade als Schaufenster dienen, um die eigene Kultur nach außen zu tragen. Wie hältst du die Waage zwischen dem Erhalt der eigenen kulturellen Wurzeln und dem Vorantreiben der regionalen Integration?

**Attila K.** : Ich kann beim besten Willen nicht erkennen, dass irgendein EU-Gesetz unserer Kultur das Wasser abgraben würde. Das Gerede, eine föderalere EU oder engere Partnerschaften würden unsere Identität ausradieren, halte ich für reine Panikmache. Auf den Punkt gebracht: Durch den EU-Beitritt ist nicht ein Funken ungarischer Kultur verloren gegangen. Ich persönlich spüre davon jedenfalls nicht die geringste Spur.

**PromethEUs** : Wenn dich ein ungarischer Freund im Ausland fragen würde, was sich in der Kultur und speziell in den Medien seit Orbáns Niederlage verändert hat – was würdest du ihm sagen?

**Attila K.** : Als Allererstes fällt auf: Diese unerträgliche Flut an Propagandaplakaten und Reklametafeln ist aus dem Stadtbild verschwunden. Das springt einem förmlich ins Auge. Zudem wird gerade an einem Gesetz gefeilt, das politische Plakatwerbung drastisch eindämmt. Im Alltag ist das eine spürbare Wohltat.

Direkt nach der Wahl rollte auch eine regelrechte Entlassungswelle: Reihenweise wurden Chefredakteure und Medienmogule gefeuert oder abserviert, die jahrelang das Getriebe dieser Propagandamaschine am Laufen gehalten hatten. Eines der übelsten Hetzblätter des Regimes, die Zeitung „Mandiner“, ging komplett pleite. Sie hing ja ausschließlich am Tropf staatlicher Gelder; als der Geldhahn zugedreht wurde, gingen sofort die Lichter aus. Es gab sogar den Fall, dass der Boss eines riesigen Medienkonzerns zu einem unabhängigen Sender ging und vor laufender Kamera freimütig auspackte, wie er die Strippen in der Propagandazentrale gezogen hatte – in der Hoffnung, der neuen Regierung seine Medien anzudienen, um einer Strafverfolgung zu entgehen. Das hat nicht funktioniert. Hoffentlich wird er dafür bald zur Rechenschaft gezogen

Unterm Strich: Fast alle Sprachrohre, die von Staatsgeldern gepäppelt wurden, haben die Segel gestrichen. Übrig geblieben sind nur ganz wenige Häuser mit einer echten, treuen Leserschaft; der ganze regierungsnahe Hofstaat hingegen schlittert massenhaft in die Insolvenz.

**PromethEUs** : Sollte die EU vor diesem Hintergrund deiner Meinung nach schärfere Riegel vorschieben – sowohl bei der Verwendung von Fördermitteln als auch beim Schutz der demokratischen Spielregeln? Das würde zwar bedeuten, dass sich Brüssel viel tiefer in die nationale Politik einmischt als bisher, böte den Bürgern aber zugleich ein wichtiges Schutzpolster.

**Attila K.** : Was das EU-Geld angeht: ohne jeden Zweifel. Das sind europäische Steuergelder, da hätte ich überhaupt nichts dagegen, wenn die Vorgaben für jeden Cent verschärft und die Rechnungsprüfung massiv hochgefahren würden. Die letzten Jahre haben schließlich schonungslos offengelegt, wie lückenhaft das alte System war. Wir müssen für die Zukunft Pflöcke einrammen, damit sich so etwas nicht wiederholt. Die Rechnungsprüfer in Brüssel könnten aus dem Fall Ungarn enorm viel lernen – am besten holen sie sich Experten an Bord, die die hiesigen Schmiergeldkanäle durchleuchtet haben, und zimmern die Vorschriften so wasserdicht, dass niemand diese Masche ein zweites Mal abziehen kann.

Beim Schutz der Demokratie ist die Sache vertrackter. Aber wenn wir uns auf gemeinsame europäische Grundwerte berufen wollen, müssen wir dafür auch verbindliche Spielregeln aufstellen. Bei uns gab es auf dem Papier ja auch Vorschriften, wonach jeder Partei fünf Minuten Sendezeit im öffentlich-rechtlichen Rundfunk zustehen. Und wie sah die Realität aus? Der Opposition warf man mitten in der Nacht ein paar Alibi-Minuten hin, während Fidesz den Äther rund um die Uhr, 24/7, für Dauerbeschallung beschlagnahmte. Das ist doch eine Farce. Um solchen Taschenspielertricks den Riegel vorzuschieben, wären europaweite Standards Gold wert. Niemand wird gezwungen, in der EU zu sein; aber wer dem Klub beitritt, muss sich an die gemeinsamen demokratischen Regeln halten, damit ein Land nicht in solche Abgründe abdriftet.

**PromethEUs** : Möchtest du noch etwas hinzufügen? Wenn du einen Wunsch frei hättest, wie die EU in den kommenden Jahren weitermachen soll – was erwartest du von Brüssel und von Ungarns neuer Führung? Ein Schlusswort?

**Attila K.** : Ich würde sagen, die EU muss in den nächsten Jahren verdammt wachsam sein. In Westeuropa – und gerade jetzt in Frankreich und Deutschland – erstarken nämlich nicht nur rechtsextreme Europagegner, sondern generell radikale Kräfte quer durchs politische Spektrum, die gegen EU und NATO wettern. Das würde unsere gemeinsamen europäischen Ziele bei Zusammenhalt, Wirtschaft und Verteidigung frontal torpedieren und uns zur leichten Beute für Mächte wie Russland, China und die USA machen.

Zudem habe ich das Gefühl, dass sich die politische Elite in Paris und Berlin auf ihren Lorbeeren ausruht. Sie hat das Gespür für die echten Sorgen der Menschen verloren. Wenn auf nationaler Ebene jetzt nicht schleunigst umgesteuert wird, droht eine Kettenreaktion, die die gesamte Europäische Union mitreißen wird.

Und sollten ausgerechnet Deutschland oder Frankreich – das Rückgrat der europäischen Staatengemeinschaft – eine europafeindliche Regierung bekommen, wäre das der Todesstoß für die künftige Zusammenarbeit in der EU.

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Cite as: Coline Eyssautier, Emmanuel Gerbault, "Die ungarischen Wahlen 2026 aus ungarischer Perspektive", PromethEUs, 2026-10-11, https://prometheus-euro.eu/de/news?slug=hungarian-elections-from-the-hungarian-point-of-view
